Adieu, IT-Konferenz

Sebastian BergmannArne BlankertsStefan Priebsch |

Wir hatten eine schöne Zeit mit Dir. Gemeinsam sind wir um die Welt gereist. Wir haben im Jubel der Teilnehmer gebadet und vielleicht sogar gemeinsam die Welt ein wenig besser gemacht. Doch das alles muss jetzt ein Ende haben.

Teilnehmer einer IT-Konferenz

Wir geben es gerne zu: wir hatten lange Zeit eine innige Affäre mit Dir: der IT-Konferenz. Ohne Dich gäbe es unser gemeinsames Unternehmen nicht. Ohne Dich hat die PHP-Community kein Familientreffen mehr. Wir vermissen den fachlichen Diskurs, der die Innovationen in der IT treibt.

Du fehlst.

Dennoch: wir alle müssen Opfer bringen. Manche von uns lernen gerade, ihre persönliche Entfaltung – zeitweise – der Gesellschaft unterzuordnen.

Wie viele erkrankte oder möglicherweise sogar verstorbene Teilnehmer darf eine Vor-Ort-Konferenz kosten?

Wir erleben in den letzten Wochen eine große Unsicherheit bei Veranstaltern, Vor-Ort-Konferenzen abzusagen, zu verschieben oder zu einer Online-Konferenz zu machen. Das ist verständlich. Wer möchte schon in einer ähnlichen Situation sein wie Fluggesellschaften, die gesamte Reisebranche oder die Gastronomie? Dennoch sind Konferenzveranstalter genau in dieser Situation, denn – rein soziologisch betrachtet – ist eine Konferenz irgendwo zwischen einem Fußballspiel, einem Rock-Konzert und einem Kneipenbesuch anzusiedeln.

Eine Konferenz, das wird jeder Teilnehmer immer wieder bestätigen, lebt ganz wesentlich vom "Hallway Track": der spontanen, informellen sozialen Interaktion. Hier werden Fragen gestellt, kontroverse Diskussionen geführt, oder auch einfach die Erfahrung gemacht, dass man selbst gar nicht so viel weniger weiß als alle anderen.

Eine Konferenz mit der heute notwendigen sozialen Distanzierung können wir uns nicht vorstellen. Das ist wie in einem Club: Es geht nicht ohne Gedränge, bei der Essensausgabe, in den Pausen oder einfach nur beim Sitzen im meist viel zu kleinen Vortragsraum.

Eine Konferenz, bei der man als Sprecher nur für seinen eigenen Vortrag erscheint und ansonsten auf dem Zimmer bleibt oder gleich wieder abreist, ist für uns nicht vorstellbar. Gerade für uns Sprecher ist der Austausch mit den Teilnehmern wichtig, denn wir werden ja für unsere Vorträge nicht bezahlt. Konferenzen sind für uns als Berater eine wichtige Plattform, um Kundenbeziehungen aufzubauen und zu pflegen.

Eine Konferenz mit deutlich weniger Teilnehmern in deutlich größeren Räumen ist wirtschaftlich für den Veranstalter wohl kaum darstellbar.

Soll man stattdessen Online-Konferenzen durchführen? Der Hallway Track wird fehlen. Das besondere Feeling, unterwegs zu sein, von zu Hause weg zu sein, wird fehlen. Die totale Immersion in das Thema der Konferenz, das sprichwörtliche Eintauchen in eine eigene Welt, ist online schlichtweg nicht möglich.

Wir haben uns entschieden, im Jahr 2020 keine Konferenzen mehr zu besuchen. Diese Entscheidung schmerzt sowohl emotional als auch geschäftlich. Die Sichtbarkeit, die Prominenz als Sprecher oder Keynote-Sprecher wird uns fehlen. Eine kleine Beratungsfirma wie die unsere lebt vom "Word of Mouth". Doch das funktioniert nicht mehr, wenn wir nicht auf Veranstaltungen präsent sind, und schon gar nicht, wenn es keine Plattformen mehr gibt, in denen unsere zufriedenen Kunden anderen etwas weitersagen können.

Wir sind weder Ärzte noch Immunologen. Dennoch haben wir verstanden, dass die Anzahl der Todesopfer in dieser Pandemie direkt davon abhängt, wie schnell sich die Krankheit ausbreitet. Eine langsame Ausbreitung können wir als Gesellschaft nur erreichen, indem wir auf möglichst viele persönliche Kontakte verzichten.

Es schmerzt uns selbst vielleicht am meisten, aber: Konferenzen sind zurzeit nicht zwingend nötig. Konferenzen sind kurz- oder vielleicht sogar mittelfristig verzichtbar. Wir müssen daran arbeiten, dass möglichst viele von uns gesund bleiben, und zwar möglichst lang. Das sind wir uns, unseren Familien und der ganzen Gesellschaft schuldig.

Verschiedene Veranstalter kündigen in diesen Tagen Konferenzen für den kommenden Herbst an und fragen uns, ob wir dort Vorträge halten möchten.

Wir wollen nicht mitverantwortlich sein für sozialen Druck zur Lockerung von notwendigen Schutzmaßnahmen.

Gerade wir IT-Fachleute haben die Werkzeuge und das technische Verständnis, von zu Hause aus zu arbeiten und uns online zu vernetzen. Welches Format dafür richtig sein wird und ob dies eine Konferenz sein muss, sei erst einmal dahingestellt.

Ist dies nun ein Abschied auf Zeit oder ein Abschied für immer? Wer kann das sagen? Wir blicken gespannt und geduldig in die Zukunft.

Bleibt gesund und haltet genug Abstand.