Das große Ganze sehen

Das große Ganze sehen

Die Menschheit baut schon seit über 5000 Jahren Gebäude. Die Große Pyramide von Gizeh zum Beispiel, zweifelsohne ein Meisterwerk der Architektur und Ingenieurskunst, wurde um 2600 vor Christus erbaut.

Der Bau von Gebäuden hat ein paar interessante Rahmenbedingungen. Zunächst einmal gibt es – und gab es schon immer – einen enormen Bedarf an Gebäuden, angetrieben durch die schnell wachsende Weltbevölkerung. Die Anforderungen an ein Gebäude sind ganz unterschiedlich, je nachdem, wo es sich befindet. Hinzu kommt, dass sich die Umweltbedingungen im Laufe der Zeit ständig ändern – oder zumindest ändern können. Dennoch ändern sich die wichtigsten Parameter wie die durchschnittliche Familiengröße und die Wetterbedingungen eher langsam.

Wenn man lochkartenprogrammierte Webstühle mitzählt, ist das Konzept der Software kaum mehr als 200 Jahre alt. Elektronische digitale Berechnungen sind weniger als 100 Jahre alt. Vor dreißig Jahren erlaubte die verfügbare Hauptspeichergröße eines Computers gerade noch die Erstellung von Software mit einer Komplexität, die im Vergleich zu einem Gebäude wahrscheinlich einer feuchten Höhle entsprechen würde, die hoffentlich wenigstens von einem Lagerfeuer beheizt wird.

Jahrzehnte und Jahrtausende

Trotz des enormen Wachstums des Internets und der Tatsache, dass Computer heute allgegenwärtig sind und somit auch einen großen Bedarf an Software ausmachen, können die Lehren aus ein paar Jahrzehnten der Softwareerstellung sicherlich nicht mit den Lehren aus ein paar Jahrtausenden der Planung und Konstruktion von Gebäuden mithalten.

Es ist noch gar nicht so lange her, da war Software meist eigenständig. Damals wurden Daten hauptsächlich eingetippt und Berichte ausgedruckt. Später wurde der Datenaustausch zwischen Computersystemen immer wichtiger. Heute geht es nicht mehr nur um den Austausch von Daten, sondern um die Synchronisation von Daten zwischen verschiedenen Systemen.

Heute gibt es praktisch keine eigenständigen Systeme mehr. Software verbindet sich mit anderen Computern und interagiert mit ihnen. Bei Gebäuden ist das nicht anders. Ein Architekt muss sich zum Beispiel Gedanken über die Umgebungsbedingungen machen. Bauen wir auf Sand? Wenn Sie die Bibel gelesen haben, wissen Sie, wie das enden wird. Wenn nicht, schauen Sie sich den schiefen Turm von Pisa an.

Wenn wir uns sicher sind, dass wir den richtigen Ort für unser Gebäude gewählt haben, stellen sich weitere Fragen. Woher kommen die Energie- und Wasserversorgung? Planen wir, das Haus mit Öl oder Gas zu heizen? Wenn wir eine Gasheizung einplanen, aber keine Gasleitung in unser Haus führt, werden wir uns im Winter wahrscheinlich nicht sehr wohlfühlen. In wärmeren Ländern ist eine Zentralheizung vielleicht gar kein Thema, zumindest so lange sich das Klima nicht wesentlich ändert.

Übrigens ist die Versorgung nicht das Einzige, was zählt: Wohin kommt zum Beispiel das verbrauchte Wasser? Eine eigene Sickeranlage zu bauen, mag auf den ersten Blick eine gute Idee sein, hat aber eine begrenzte Kapazität. Oder wir verunreinigen das Trinkwasser in unserem eigenen Brunnen. Wir erkennen also, dass wir nicht einfach ein Haus in irgendeiner abgelegenen Gegend bauen können, es sei denn, wir sind bereit, unsere eigene Energie zu erzeugen, einen eigenen Brunnen zu graben und zu hoffen, dass es irgendeine Möglichkeit des mobilen Internetzugangs gibt.

Software ist weniger greifbar

Ein autarkes Gebäude mag zwar durchaus reizvoll sein, aber sobald technische Probleme auftreten oder uns Wind, Sonne oder was auch immer zur Energiegewinnung zur Verfügung steht, kommt uns eine große zentrale Energieversorgung und ein redundantes Verteilernetz plötzlich sehr gelegen.

Software ist weit weniger greifbar als Gebäude. Niemand wird Sie verklagen, wenn Sie versuchen, eine aufgeblähte, überdimensionierte oder völlig unpassende Architektur zu erstellen, auch wenn das in manchen Fällen wirklich helfen könnte. Wenn Sie Blaupausen bei Ihrer örtlichen Baubehörde einreichen, werden diese öffentlich ausgestellt, um Feedback zu erhalten. Auch wenn all dies wie ein großer Aufwand erscheint, ist es in Wirklichkeit eine ziemlich effiziente Überprüfung eines Konzepts auf seine Tauglichkeit.

Neben all diesen technischen Aspekten gibt es noch eine weitere Sache zu bedenken: Ein Gebäude sollte sich gut in seine Umgebung einfügen. Man kann nicht einfach einen postmodernen Wolkenkratzer in ein traditionelles bayerisches Dorf stellen. Na ja, ehrlich gesagt, könnte man das schon, aber man müsste mit einer Menge Ärger rechnen.

Software-Architekten müssen in der Lage sein, das große Ganze zu sehen. Dazu gehört es, Nachbarn, Zulieferer, Absatzmärkte und vor allem wichtige nicht-funktionale Anforderungen zu berücksichtigen.