Software-Entwicklung und Profisport

Software-Entwicklung und Profisport

Wenn man Software-Entwicklung mit Profisport vergleicht, drängt sich eine erschreckende Erkenntnis auf. Es geht hier allerdings nicht um Bewegungsmangel bei Entwicklern.

Kennst Du den Unterschied zwischen Profi-Sportlern und Software-Entwicklern? Gemeint ist nicht die Menge an Bewegung, die beide Partien im Durchschnitt jeden Tag bekommen, obwohl es sicherlich eine gute Idee wäre, den Unterschied auszugleichen, indem Sportler mehr Zeit am Computer verbringen.

Spaß beiseite. Im Leben eines Sportlers gibt es zahllose Stunden und Tage mühsamen, intensiven Trainings, und im Verhältnis relativ wenige Wettbewerbe. In Wettbewerben gilt es, zuverlässig Höchstleistungen zu erbringen, im Training dagegen darf und muss experimentiert, ausprobiert, verändert und verbessert werden. In der Außenwahrnehmung wird das Training gerne ausgeblendet, in Wahrheit nimmt es deutlich mehr Zeit in Anspruch als die Wettbewerbe.

In der Software-Entwicklung gibt es Dein Projekt beziehungsweise Dein Produkt. Es nimmt den Hauptanteil Deiner Arbeitszeit in Anspruch. Manche Firmen haben so etwas wie einen Tech Day, erlauben Konferenzbesuche, oder organisieren interne oder externe Fortbildungen, manche Firmen haben 20 Prozent-Vereinbarungen wie sie Google einst bekannt gemacht hatte.

Schnelle Bewegung

Der Löwenanteil an Arbeitszeit, ich vermute deutlich mehr als 80 Prozent, geht allerdings in das Projekt/Produkt. Wir arbeiten ja auch in Sprints. Ehrlich gesagt, habe ich dieses Wort immer verabscheut, weil es für mich die Wortbedeutung schnelle Bewegung hat. Ich assoziiere damit Unruhe, ein Gehetztsein, ein: wir haben keine Zeit. Klar: aus geschäftlicher Sicht ist eine schnelle Bewegung (im Sinne von: Fortschritt) wünschenswert. Ich möchte hier aber auf etwas anderes hinaus.

Der Anteil an Arbeitszeit, der im Entwickler-Alltag für Trainieren aufgewendet wird, dürfte vielleicht bei fünf oder zehn Prozent liegen. Die meiste Zeit findet der Wettbewerb statt, in Experimente und Ausprobieren, mit anderen Worten Lernen eher stören. Bei Sportlern ist dieses Verhältnis genau umgekehrt. Vielleicht sollten wir als Entwickler also etwas "sportlicher" werden und mehr trainieren.

Ist zu wenig Training ein Grund dafür, dass so viele Software-Lösungen unnötig komplex sind? Irgendwann muss man ja mal neue Werkzeuge, Methoden und Technologien ausprobieren und - Hand aufs Herz, wir Entwickler haben ihn alle zu einem gewissen Grad - den technologischen Spieltrieb ausleben.

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Übung macht den Meister

Ich habe mich immer gefragt, wann wir Software-Entwickler eigentlich üben, beziehungsweise ob wir denn genug üben. Ich glaube nicht. Üben, besser gesagt trainieren ist für einen Software-Entwickler keine Zeitverschwendung, sondern es ist eine wichtige Voraussetzung für die fachliche und persönliche Weiterentwicklung. Die übrigens auch mal in der Erkenntnis gipfeln kann, dass weniger (Technologie) mehr (Produktivität) ist und man im Projekt nicht immer allen neuesten Technologie-Trends folgen muss.

Ich bin überzeugt davon, dass viele Software-Lösungen besser, einfacher und bedarfsgerechter gestaltet sein könnten, als sie es aktuell sind. Warum? Weil in der Software-Entwicklung Experimente zu wenig im Training gemacht werden, sondern zu oft "Wettbewerb" gemacht werden, wo sie sich direkt als technische Schulden in der Software manifestieren.